Schilling: Wir alle können Zeichen setzen!
Rede des Vorsitzenden der CDU Fraktion im Kreistag Wittenberg zum Volkstrauertag am 13.11.2011.
- es gilt das gesprochene Wort -
Volkstrauertag – einmal im Jahr. Einmal im Jahr halten wir inne im kommunalpolitischen Tagesgeschäft, um der Opfer von Krieg und Gewalt zu Gedenken. Wir gedenken Millionen von Opfern beider Weltkriege und den Millionen von Verletzten, Hinterbliebenen und Vermissten. Der Autor von „Der kleine Prinz" hat einmal gesagt: „Hunderttausend Tote, das ist eine Statistik, aber einer, dem man nahe stand, der fortgeht und nicht wiederkommt, das tut weh – das ist viel mehr!" Dieser Millionen „einen, die fortgingen und nicht wiederkamen" gedenken wir heute. Jeder einzelne Soldat der fällt, jeder einzelne Mensch der durch Krieg oder Gewalt gestorben ist, hinterlässt eine Lücke. Er hinterlässt Familien und Freunde. Jeder Einzelne durfte sein Leben nicht zu Ende leben. Sie alle durften nicht älter werden. Sie durften nicht erst am Ende eines erfüllten Lebens in Frieden gehen. Wir werden nachher noch das „Lied vom guten Kameraden" hören. Es gab Zeiten, da kannte jeder den Text dieses Lieds. Aus traurigem Grund, denn es wurde vor allem bei der Beerdigung gefallener Soldaten gespielt. Die Zeit, in der hier in Deutschland und Europa schreckliche Weltkriege bis in weite Teile der Welt unsägliches Leid brachten, liegt fast ein Menschenleben zurück. Diejenigen, die den Krieg am eigenen Leib erlebt haben, gehen von uns. Und manche von Ihnen nehmen das Grauen, das Sie erleben mussten mit sich. Das Erleben von Zeiten, in denen sie hungerten, froren, den Vater im Krieg verloren, die Mutter ums nackte überleben kämpfen sahen und selbst darum kämpfen mussten. Die Nachgeborenen, zu denen auch ich gehöre, spürten das ungesagte, fühlten das Unverständliche und konnten das gehörte kaum fassen. Die Textpassage „Ich hatt' einen Kameraden, einen besseren find'st du nicht" ist heute vielen wahrscheinlich nicht mehr geläufig. Sicherlich auch das Ende des Liedes: „Will mir die Hand noch reichen derweil ich eben lad. Kann dir die Hand nicht geben; bleib du im ew'gen Leben, mein guter Kamerad!" Erschütternd: Obwohl der sterbende Freund, der Kamerad direkt vor ihm liegt, muss er nachladen um sich selbst zu verteidigen. Doch indem er das tut, erzeugt er auf der anderen Seite das gleiche Leid. Den Text verfasste Ludwig Uhland vor über 200 Jahren. Seitdem ist es der Inbegriff des Gedenkens an gefallenen Soldaten geworden. Leider hat es seit einigen Jahren wieder einen aktuellen Bezug in Deutschland. Leider ist es wieder öfter zu hören. Immer dann, wenn deutsche Soldaten in Kriegs- und Krisengebieten fallen und in Deutschland mit militärischen Ehren begraben werden. In Westeuropa ist es uns nach dem zweiten Weltkrieg gelungen frei und friedlich miteinander zu leben. Das zeigt: Es ist möglich, den Frieden dauerhaft zu bewahren. Aber wir müssen dafür eintreten und ihn verteidigen. Der Einsatz deutscher Soldaten im Ausland zeigt uns, wie gefährlich die Arbeit für Frieden sein kann. 52 deutsche Soldaten mussten ihren Dienst in Afghanistan bisher mit dem Leben bezahlen. An sie und ihre Angehörige denken wir heute besonders. Wir sollten jedoch nicht nur um die Opfer der Kriege trauern, wir müssen auch von ihnen lernen. Die Inschrift, die auf vielen Soldatenfriedhöfen zu lesen ist, fast es zusammen: „Unser Opfer ist eure Verpflichtung – Frieden!" Frieden lässt sich nicht herbei zwingen. Frieden ist Arbeit. Frieden ist ein Weg. Frieden ist ein Prozess. Der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig sagte einmal: „Einer muss den Frieden beginnen, wie den Krieg." Meine sehr geehrten Damen und Herren: Es ist an uns! Lassen Sie uns anfangen. Doch was können wir als Einzelne bewirken? Es gibt viel zu tun! Wie wäre es zum Beispiel mit den zahlreichen Hilfsprojekten für Überlebende des Holocaust, ethnischen Minderheiten und Flüchtlingen. Wie wäre es, sich für Umweltprojekte und Bildungsarbeit zu engagieren. Wir alle können Zeichen setzen. Wenn jeder Einzelne handelt, bewirken sie gemeinsam ein großes Ganzes. Um mit Marie von Ebner Eschenbach zu enden: „Frieden kannst du nur haben, wenn du ihn gibst."