Wer aus der Geschichte nichts lernt – ist verdammt sie zu wiederholen! Mit diesen Worten begann der Vorsitzende der Unionsfraktion im Kreistag Wittenberg, Enrico Schilling, am Sonntag seine Rede anlässlich des Volkstrauertages. Dabei machte Schilling deutlich, dass das Gedenken an diesem Tag allen Menschen gilt, die ihr Leben im Krieg oder als Opfer von Terror und Gewalt verloren haben. Schilling appelierte daran, den Volkstrauertag als Verpflichtung zu sehen. Die unzähligen Opfer verpflichten uns Freiheit und Menschenrechte zu schützen und haltbar zu machen.
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Rede des Vorsitzenden der CDU Fraktion im Kreistag Wittenberg zum Volkstrauertag.
Wer aus der Geschichte nichts lernt – ist verdammt sie zu wiederholen!
Wir, die wir in Frieden leben, gedenken heute der Menschen, die ihr Leben im Krieg verloren haben: vor vielen Jahrzehnten, vor einigen Jahren oder erst gestern. Denn irgendwo ist immer Krieg.
Heute halten wir inne, schauen zurück, werden still. Und wir selbst werden unmittelbar von dem betroffen, was wir spüren, was wir überlegen, was wir fühlen. Nach der Meinung bedeutender Philosophen kommt der Mensch nur durch die Erfahrung fremden Sterbens zum Bewusstsein der Endlichkeit seines eigenen Lebens.
Wenn dem so ist, treten in diesen Novembertagen und gerade am heutigen Tage diejenigen vor unser inneres Auge, die uns im Tod vorausgegangen sind. Angehörige, Freunde, Wegbegleiter und Vorbilder und nicht zuletzt jene Millionen, die im letzten Jahrhundert massenhaften Sterbens in zwei Weltkriegen oder als Opfer von Terror und Gewalt ihr Leben verloren haben.
Astrid Lindgren sagte, als sie vor 30 Jahren den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennahm; ich zitiere:
„Jenen, die jetzt so vernehmlich nach härterer Zucht und strafferen Zügeln rufen, möchte ich das erzählen, was mir einmal eine alte Dame berichtet hat. Sie war eine junge Mutter zu der Zeit, als man noch an diesen Bibelspruch glaubte: „Wer die Rute schont, verdirbt den Knaben.“
Im Grunde Ihres Herzens glaubte sie wohl gar nicht daran, aber eines Tages hatte ihr kleiner Sohne etwas getan, wofür er ihrer Meinung nach eine Tracht Prügel verdient hatte, die erste in seinem Leben. Sie trug ihm auf, in den Garten zu gehen und selber einen Stock zu suchen, den er ihr bringen sollte.
Der kleine Junge ging und blieb lange fort. Schließlich kam er weinend zurück und sagte: „Ich habe keinen Stock finden können, aber hier hast du einen Stein, den kannst du nach mir werfen.“ Da fing die Mutter an zu weinen, denn plötzlich sah sie alles mit den Augen des Kindes. Das Kind musste gedacht haben: „Meine Mutter will mir wirklich weh tun, und das kann sie ja auch mit einem Stein.“
Sie nahm ihren Sohn in die Arme und beide weinten eine Weile zusammen. Dann legte sie den Stein auf einen Schrank in der Küche und dort blieb er liegen als ständige Mahnung an das Versprechen, das sie sich in dieser Stunde selber gegeben hatte: „Niemals Gewalt!“
Manchmal frage ich mich, was wäre, wenn mehr Menschen zur gleichen Einsicht kämen? Wenn mehr Menschen sich die Mühe machten, sich in andere hineinzuversetzen, vor allem in Schwächere? Würde es dann immer noch so viele Konflikte geben - in Familie und Schule, Arbeit und Beruf? So viel Leid und Streit? So viel kalte Hierarchie und nackte Gewalt?
Wir alle, müssen uns den Vorwurf gefallen lassen, trotz der Probleme des Alltags, gelegentlich die großen Linien aus den Augen zu verlieren. Was hätten die Generationen vor uns dafür gegeben, wenn ihnen das Schicksal erspart geblieben wäre, das wie ein furchtbares Verhängnis nicht nur auf der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lastet.
Christian von Kleist stellte schon im 18. Jahrhundert fest: „Der Schmerz macht, dass wir Freude fühlen, so wie das Böse macht, dass wir das Gute erkennen.“
Und so müssen wir uns fragen, ob wir angesichts der Nachrichten, die uns über Schrecken, Gewalt und Tod an vielen Plätzen der Welt täglich informiert begreifen, in welcher glücklichen Periode des Friedens und der Freiheit wir leben dürfen?
Gerade an einem Tage wie heute müssen wir uns auch fragen lassen, ob angesichts von Millionen, deren Leben geopfert wurde, nicht manches Klagen kleinlich klingt. So sollte der Volkstrauertag auch Anlass zur Wiedergewinnung der richtigen Maßstäbe sein.
Wir stehen im Strom der Geschichte und damit vor neuen großen Herausforderungen. Wir haben unter Beweis gestellt, dass wir historische Lernfähigkeit besitzen. Kein anderes Datum im Lauf des Jahres bietet Gelegenheit und Anlass, Gedenken, Trauer und Erinnerung in verpflichtendes Nachdenken und Handeln umzusetzen. Erinnern wir uns und andere immer wieder daran – so wie der Stein auf dem Küchenschrank die Mutter aus der Geschichte erinnert.
„Soldatengräber sind die großen Prediger des Friedens“ sagte einst Albert Schweitzer „und ihre Bedeutung als solche wird immer zunehmen“. So liegt es auch an jeden von uns, sich daran zu erinnern, in jedem Ernstfall nicht die Aggression sondern die Vernunft siegen zu lassen.
Denn durch das Opfer ihres Lebens verpflichten uns die Toten, Frieden und Menschenwürde zu verwirklichen und Freiheit und Menschenrechte haltbar zu machen. Am heutigen Volkstrauertag erinnern wir uns an diese Verpflichtung.